Sie befinden sich hier: Geschichten | Aus dem Tagebuch einer Mutter   
 


Aus dem Tagebuch einer Mutter

Ich biete ich suche - gegenseitige
Hilfe und Kontakt untereinander.

mehr Infos finden Sie hier »

Schicken Sie uns Ihre Tipps, Rat-
schläge, Hilfestellungen, Kontakte
zu anderen interessanten Seiten
und Behörden.
 





Antje ist 36 Jahre alt und nach zwei Kuraufenthalten 2002 und 2006 zum dritten Mal in Kur.
Sie ist seit neun Jahren verheiratet und hat zwei Kinder: einen Sohn, 9 Jahre alt, und eine Tochter, 5 Jahre alt. Mit ihrer Familie lebt sie in einem Eigenheim in Baden Württemberg.

Ich bin zum dritten Mal in Kur – aber es ist die erste Kur, bei der ich richtig entspannen kann. Jedes Mal kam ich wegen Eheproblemen, die etwa sechs Wochen vor der Geburt unseres ersten Kindes angefangen hatten. Bei der ersten Kur war mein Sohn zwei Jahre alt, bei der nächsten war er dann fünf und die kleine Schwester ein Jahr alt.

Die ersten beiden Male waren die Situation nicht so schlimm wie jetzt. Diese Kuren haben mir leider keinen dauerhaften Effekt gebracht. Ich hatte mal etwas anderes gesehen und erlebt und mich auch jedes Mal riesig gefreut, wieder heimzukommen, aber ich wusste: wenn ich heimkomme, dann komme ich wieder in den Alltagstrott rein. Es geht eine Woche gut und dann...

Von dieser Kur erhoffe ich mir mehr. Die Situation zu Hause war richtig akut, ich konnte nicht mehr. Nun bin ich seit eineinhalb Wochen hier und habe auch eine Verlängerung beantragt, bin also noch eineinhalb oder zweieinhalb Wochen hier.

Ich will mich hier vor allem stärken. Bisher habe ich volles Programm gemacht... das brauche ich. Und wenn ich eine Verlängerungswoche bekomme, schalte ich ein wenig runter. Ich erhoffe mir viel und denke auch, dass ich von hier sehr viel mitnehme. Aber ich bin noch nicht wirklich bereit zu gehen. Ich hoffe einfach, dass ich so stark bin und irgendeinen Weg gehen kann. Welchen, weiß ich noch nicht.

Wie war Ihre Situation vor der Kur?
Bevor ich hier herkam, konnte ich nicht mehr und war am Ende. Den Kinder gegenüber habe ich nur gebrüllt. Mein Mann hat mich total im Griff: er beschimpft mich, er lässt mich links liegen, ich bin ihm nichts wert. Er bevormundet mich oft und greift mich an, auch vor den Kindern. Warum er das vor den Kindern mit mir macht, verstehe ich überhaupt nicht.

Es ist schon eine schwierige Situation bei uns: Wir können nicht miteinander reden. Er lässt nicht mit sich reden, er will nicht.

Ums Geld haben wir auch Streitereien. Ich bekomme Kindergeld und zusätzlich gibt er mir Geld für Lebensmittel... aber nicht freiwillig, sondern ich muss ihn immer darauf aufmerksam machen. Und wenn ich zu oft komme, fragt er mich, wofür ich das schon wieder brauche.

Ich habe den Eindruck, dass er sich mit anderen Frauen viel besser unterhalten kann als mit mir. Wenn er ausgeht, dann geht er alleine aus. Ohne mich. Er trifft dort andere Leute, auch Frauen, und wenn ich ihm dann sage, ich fühle mich betrogen, sagt er: „Das geht dich nichts an und das ist dein Problem.“ Ich bin Außenseiter und die anderen kommen vor.

Und wenn ich dann sehe, er kann es mit anderen Frauen besser – er kann sie umarmen und mich nicht – stehe ich daneben, heule, bin fertig, fange das Zittern an und frage mich: Warum macht er das? Das würde ich nie machen. Einen Mann umarmen, wenn mein Mann daneben steht. Furchtbar. Er respektiert mich einfach nicht.

Wir schieben uns natürlich gegenseitig die Schuld zu. Ich werfe ihm dann auch öfters vor: „Wenn du da bist, dann ist alles kaputt, wenn du nicht da bist, geht alles besser“, und er fühlt sich dann natürlich auch schlecht – ist ja ganz klar. Aber insgesamt glaube ich, er greift mich öfter an als ich ihn.

Er hat nicht das Recht, so mit mir umzugehen. Das tut weh.

Wieso lassen Sie es zu, dass Ihr Mann Sie so behandelt?
Das ist sicher ein Relikt aus meiner Kindheit. „Bevor ich mir etwas Gutes tue, gebe ich anderen. Ich komme erst an dritter Stelle und muss mit dem zufrieden sein, was übrig ist.“ – so dachte ich immer und das ist auch jetzt noch so. Ich bin mit Kleinigkeiten zufrieden und auch nicht nachtragend. Wenn mein Mann mich verbal angreift, bin ich ein, zwei Tage bedrückt und weine, aber am dritten Tag ist es, als wenn nichts gewesen wäre. Aber entschuldigen tut er sich nicht. Das habe ich von zu Hause aber auch nicht bekommen. Wahrscheinlich akzeptiere ich es deshalb.
Das müsste vielleicht noch gestärkt werden: dass ich selbstbewusster werde und meine inneren Grenzen stärker deutlich mache.

Ich komme aus ärmlichen Verhältnissen. Da hat sich niemand richtig um mich gekümmert, keiner hat geschaut, ob ich die Hausaufgaben habe. Es war egal, wie ich durchs Leben gehe. „Hauptsache, du hast die Schule fertig und gehst Geld verdienen.“

Bei meinem Mann war das anders, er kommt aus der Landwirtschaft und noch heute bekommt er immer wieder von seinen Eltern Geld.

Vor acht Jahren haben wir ein Haus gekauft. Und bis vor kurzem hat er mir immer wieder vorgehalten: „Du hast ja gar nichts gebracht. Dir gehört gar nichts. Du kannst froh sein, dass du ein Dach über dem Kopf hast und der Hintern warm ist.“ Das war sein Umgangston in den letzten Jahren. Seit einem halben Jahr sagt er das nicht mehr – warum auch immer.

Was waren Ihre Ziele, als Sie in die Ehe gestartet sind?
Ich wollte einen Mann und Kinder. Dass wir eine tolle Ehe führen, mit einem echten Miteinander – das habe ich mir gewünscht. Außerdem wollte ich halbtags arbeiten gehen, so dass wir schön Geld verdienen.

Und wie sieht es heute aus?
Das haben wir erreicht: mein Mann verdient super Geld. Aber er behält es für sich. Er sagt immer: „Ich bezahl das Haus“, und wir machen auch jedes Jahr ein neues Projekt mit dem Haus. Von außen ist es bei uns schön. Aber von innen...

Zusammen gehen wir nur weg, wenn in seiner Familie Festlichkeiten sind. Da darf ich dann die tolle Mama spielen und er kümmert sich richtig um die Kinder. Und seine Verwandten denken: „Oh, was für ein guter Papa.“ Wenn aber von meiner Seite Festlichkeiten sind, dann geht er da gar nicht hin.

Inzwischen haben wir die Haushaltsaufteilung, dass er arbeiten geht und ich daheim bin. Zwar verlangt er, dass ich arbeiten gehe, aber er betreut die Kinder nicht, wenn ich arbeiten gehe. Haben wir alles schon ausprobiert...

Waren Sie vorher berufstätig?
Ja, vorher war ich stellvertretende Leiterin eines Supermarkts. Früh um fünf, sechs habe ich angefangen und dann bis abends acht, neun Uhr gearbeitet. Mein Mann hat auch immer so lange gearbeitet.

Nach der ersten Geburt habe ich aufgehört, und als mein Sohn ein Jahr alt war, bin ich wieder in einer Bäckerei arbeiten gegangen. Das ging aber nicht mehr, als das Kind in den Kindergarten ging – ich kann ja nicht mal schnell meine Mutter herholen für zwei Stunden am frühen Morgen: „Versorg mal das Kind bis zum Kindergarten und dann kannst du wieder heimgehen“... Da habe ich umgesattelt und als Kassiererin gearbeitet, abends bis 22 Uhr, so dass ich erst um halb elf nach Hause kam. Da ließ mein Mann unseren Sohn Horrorfilme anschauen. Ich war sehr erstaunt und sagte zu ihm: „Das möchte ich nicht.“ Da meinte er, ich solle mich nicht so anstellen, er habe diese Filme schon vor 20 Jahren angeschaut.
Eine Zeitlang habe ich am Wochenende gearbeitet. Er sollte dann die Kinder betreuen, aber das war ihm nicht möglich. Da habe ich die Kinder entweder zu meiner Mutter oder zur Schwiegermutter gegeben. Weil er sich nicht kümmerte.
Irgendwann hat er gesagt, ich müsse aufhören. Er wolle nicht mehr, dass ich arbeite. Und es ist paradox: Eigentlich will er, dass ich arbeite, aber nur in der Zeit, in der die Kinder betreut sind. Und da mal einen Job zu finden... ist eigentlich schwierig. Ist halt dann schon schade, wenn ich arbeiten gehe und die Kinder müssen einstecken.

Mit meinem Mann kann ich über Fragen wie Kinderbetreuung nicht reden. Er meint, ich müsse das selber auf die Reihe kriegen. Ich hätte die Kinder gewollt und solle nun dafür gerade stehen.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Mein Mann geht morgens um zehn vor sieben aus dem Haus. Manchmal, wenn er auf dem Weg bei uns vorbeifährt, kommt er auch mal vormittags zum Kaffee, und wenn es möglich ist, ist er zum Mittagessen daheim. Wenn die Kinder aus Schule und Kindergarten zurück sind, kommen die Hausaufgaben für meinen Sohn dran und ich beschäftige die kleine Tochter, und nach den Hausaufgaben gehen wir raus, spazieren oder Freunde treffen. Wir sind viel draußen, entweder im Hof oder auf dem Spielplatz. Abends gegen sechs kommt mein Mann heim und macht Stress. Dann machen wir Abendbrot, er geht wieder arbeiten und kommt dann gegen zehn, elf heim.

Sonntags gibt es bei uns keinen Tagesablauf. Wenn mein Mann sagt: „Wir gehen spazieren“, gehen wir spazieren. Und wenn wir fragen: „Wohin?“, dann weiß er das noch nicht. Oder wir fahren mit dem Auto irgendwohin. Dann fragen die Kinder auch schon: “Papa, was machen wir, wo gehen wir hin?“ Das weiß er normalerweise noch nicht. Meistens fahren wir eine Stunde mit dem Auto spazieren und gehen wieder heim. Und mein Mann geht dann wieder rein, legt sich aufs Sofa und ich gehe mit den Kindern noch ein bisschen spazieren. So zieht sich der Sonntag durch.

Wie sieht der Stress aus, wenn Ihr Mann nach Hause kommt?
Wenn sich der Große tagsüber nicht gut benommen hat und ihm gesagt habe: „Du darfst heute kein Fernsehen schauen“, mischt sich mein Mann ein und lässt ihn trotzdem schauen. Während ich es ihm ja verboten habe. Inzwischen spielt mein Sohn uns gegeneinander aus – er kann das und weiß das auch. Und mein Mann bespricht es nicht mit mir.

Erzählen Sie anderen von Ihrer Situation?
In den letzten Monaten habe ich etwas mehr Austausch mit Freunden und Bekannten gehabt. Die haben mich ja immer gesehen und mitbekommen, wenn es mir gut geht und auch, wenn es mir nicht gut geht. Und irgendwann erzählt man davon und wenn man sich öfter trifft, dann erzählt man mehr.

Inzwischen habe ich eine gute Bekannte, die mich ein bisschen aus dem Haus rausholt. Alle zwei, drei Monate gehen wir ins Kino oder tanzen. Das tut mir richtig gut, dann bin ich richtig ausgeglichen. Und das, glaube ich, gefällt meinem Mann gar nicht. Neulich hat er mich einmal gefragt, wer so alles mitgeht, und ich habe mich über sein Interesse gefreut. Weil das ja immer umgekehrt war: Mein Mann geht weg und ich muss daheim bleiben.

Im Ort würden viele nicht glauben, dass mein Mann so sein kann. Er gibt sich ja nicht so, wenn wir irgendwo sind – nach außen ist er der verständnisvolle Partner. Und die Leute sehen nicht, dass wir überhaupt keine Nähe haben.

Bis vor einem Jahr hatte mein Mann auch überhaupt keinen Kontakt zu unserem Wohnort. Er geht nie in die Schule, beteiligt sich nicht an Projekten, weder in der Schule noch im Kindergarten. Er hat auch unsere Kinder nie vom Kindergarten abgeholt – er hält sich fern. Im letzten Jahr habe ich versucht, dass er ein bisschen mehr Kontakt zu unserem Wohnort hat, und das habe ich auch erreicht.

Bei Frauen in meiner Umgebung nehme ich ähnliche Probleme wahr. Vielen geht es gut, aber manchen geht es überhaupt nicht gut – die haben noch mehr Probleme als ich. Manche überlegen ebenfalls, ob sie ausziehen, aber sie bleiben meist.

Seit wann überlegen Sie sich, etwas an Ihrer Situation zu ändern?
Mit der Entscheidung, etwas zu verändern, trage ich mich seit ungefähr zwei Jahren. In dieser Zeit hatte ich dreimal Kontakt zu Psychologinnen. Alle drei haben mir geraten, auszuziehen. Weg von meinem Mann! Die Psychologin in der Kur hat gemeint, ich solle von hier aus gleich ins Frauenhaus. Ich glaube aber, das ist etwas krass für mich. Denn ich hätte dann ja keinen Kontakt mehr zu meinen Geschwistern und zu den anderen Leuten, die ich immer habe. Ich bin einfach noch nicht so weit und muss erst mal selbst Boden finden.
Es wird aber schon besser: bis vor einem Jahr habe ich immer geheult, wenn mein Mann mich angegriffen hat – jetzt muss ich das schon nicht mehr.

Ich könnte Hilfe haben von meiner Schwester – das wiederum will ich auch nicht. Ich müsste dann ja erst mal bei ihr wohnen (sie ist selber verheiratet und hat zwei Kinder).

Jeder sagt mir: „Geh. Du machst dich fertig bei deinem Mann!“ Aber was es genau ist, das mich zurückhält, weiß ich nicht.

Was steht der Trennung im Weg?
Ich habe Angst, allein zu sein. Auch vor dem Finanziellen. Und vor den Kämpfen zwischen meinem Mann, den Kindern und mir. Er würde sicher versuchen, mir mit den Kindern weh zu tun. Als mich die Psychologin gefragt hat: „Was würden Sie tun, wenn Sie eine Fee am Arm nehmen und einen Wunsch erfüllen würde?“, war die Antwort ganz klar: Ich würde gehen. Ich bräuchte vielleicht noch jemanden, der mir eine Wohnung einrichtet und meint: „So Anita, nun kannst du mit den Kindern einziehen.“ Es ist einfach bequemer, wenn man daheim ist.
Man weiß ja nicht, was besser ist: Beim Mann zu bleiben und den Stress zu haben – oder doch den Schritt zu machen, jetzt auszuziehen und meine eigenen Wege zu gehen. Das weiß man ja erst, wenn es soweit ist.

Was sind Ihre Kurziele?
Ich bin mit dem Ziel hierher gekommen, psychologische Stärkung meinem Mann gegenüber zu bekommen. Weil ich ja immer noch nicht genau weiß, was ich will. Soll ich mich trennen, soll ich mich nicht trennen? Und wenn ich mich trenne: wie? Da bin ich ziemlichen Stimmungsschwankungen ausgesetzt.
Wenn ich nach Hause komme, habe ich weitere Unterstützung durch ein kirchliches Hilfswerk und durch eine Psychologin. Denen muss ich einfach sagen, dass ich einfach noch nicht soweit bin. Aber mir geht es jetzt schon ein bisschen besser, weil ich diese Stärkung mit nach Hause nehme.

Halten Sie während der Kur Kontakt zu Ihrem Mann?
Ich will ohne Stress das Beste aus dieser Zeit zu machen, da versuche ich Kontakt zu vermeiden. Ich habe meine Kinder im Griff und diskutiere nicht viel herum. Ich würde meinen Mann nicht anrufen, weil er mich sonst auch hier nicht in Ruhe lassen würde. Wenn aber meine Kinder es sich wünschen, rufen wir ihn an.

Vorgestern Abend gab es zum Beispiel eine dumme Situation, in der mein Sohn versucht hat, meinen Mann wegen der Schlafenszeit gegen mich auszuspielen. Am Telefon habe ich mich auf eine Diskussion eingelassen. Als mich mein Mann gestern sprechen wollte, habe ich zu ihm gesagt, dass ich nicht möchte. Und dann hat er gesagt, „okay“, und wir haben aufgelegt. Ich bin also schon so stark, dass ich mich abgrenze und habe dann meinem Sohn gesagt: „Wenn du nicht ins Bett möchtest, wieso sagst du mir das nicht? Wir können doch einen Kompromiss eingehen – okay, du darfst jetzt noch eine viertel oder halbe Stunde spielen.“ Dann bin ich zufrieden und mein Kind auch. Aber er weiß, wenn er es Papa erzählt, dann erreicht er, was er will. Daheim hätte er es erreicht. Dort hätte es endlose Diskussionen gegeben und irgendwann wäre ich ins Bett gegangen. Und hier habe ich das einfach schön im Griff.

Was tut hier besonders gut?
Ganz ehrlich: dass mein Mann nicht da ist.

An Anwendungen sind die Wirbelsäulengymnastik und die Massagen besonders wohltuend.
Richtig schön befreiend sind auch die Entspannungsübungen. In der letzten Kur, ebenfalls eine Mutter-Kind-Kur, gab es das nicht. Dort habe ich mich überhaupt nicht entspannen können. Bestimmte Therapien habe ich dort auch abgebrochen. Einmal gemacht und dann nicht mehr. Ich konnte nicht – war total aufgeregt und hatte Herzklopfen.

Das ist hier jetzt nicht mehr. Ich schreie nicht mehr mit den Kindern und die Kinder schreien mich nicht mehr an. Die Kinder sind so ausgeglichen. Sie sind betreut und fühlen sich wohl. Meine Tochter weint ab und zu... das haben wir noch nicht im Griff, aber das werden wir auch noch hinbekommen. Vieles ist hier schon besser geworden, einfach durch die Ruhe. Ich stehe hier nicht unter Druck.

Und ich kann reden – das tut sehr gut. Ich bin jetzt so offen und ehrlich, ich rede und rede .... und dadurch geht es mir besser. Und ich weiß: ich bin hier und sehe die Leute nur einmal und gehe wieder heim und nehme alles mit, was mir in irgendeiner Form förderlich ist.

Was nehmen Sie aus der Kur mit nach Hause?
Die Bausteine, um etwas zu verändern, sind schon da. Nun brauche ich einfach ein bisschen Zeit. Ich darf auf keinen Fall sagen: „ich geh jetzt von hier aus der Kur nicht mehr heim.“ Ich muss das Schritt für Schritt machen. Und ich weiß, wenn ich heimkomme, bekomme ich Hilfe. Von einer kirchlichen Beratungsstelle. Die helfen mir dann auch, egal wie lange es dauert – ein halbes Jahr, ein Jahr, zwei Jahre – und egal auf welchem Weg.

Die Beratungsstelle bietet Psychologen, die auch Partnergespräche machen. Ich habe jetzt erst einmal drei, vier Einzelgespräche und dann wird es darum gehen, ob mein Mann mitkommen will. Er wird wahrscheinlich nicht mitkommen wollen, aber ich versuche es auf jeden Fall.

Ich finde, er sollte auch mal zu einer Psychologin gehen und erzählen, was ihn wirklich bedrückt. Aber ich weiß nicht, ob er aus sich rausgehen kann. Ich denke, auch bei ihm ist es familienbedingt: Er hatte keine schöne Kindheit, mit Sicherheit hatte er es daheim nicht einfach. Mein Mann kennt das Angreifen, das er mit mir praktiziert, von daheim nicht anders. Ich habe schon zu ihm gesagt: „Du machst das deinen Kindern und deiner Frau gegenüber genauso wie dein Papa. Warum?“ Denn seiner Mutter geht es genauso, die hat es auch mitgemacht – noch viel schlimmer – und macht das heute noch mit. Meine Schwiegermutter sagt oft zu mir: „Stell dich nicht so an“. Dann sage ich: „Du, ich bin noch eine junge Frau. Wieso soll ich mir das gefallen lassen?“ Früher gab es das ja nicht, was es jetzt gibt: dass wir auf Kur gehen können. Wir können auch offener darüber reden als die Frauen früher. Die konnten mit ihren Problemen ja nirgendwo hin.

Ich verstehe meinen Mann, ich würde ihm gerne helfen, aber er lässt mich nicht an sich ran. Und er spricht mit niemandem darüber, auch nicht mit mir. Und das tut mir weh. Vielleicht wäre es für ihn leichter, wenn er sich auch mal aussprechen könnte. Und wir würden wieder zusammenfinden. Wenn er sich öffnet, würde ich ihm noch einmal eine Chance geben.

Interview
Annette – Christine Hoch Moderatorin SWR



« zurück zur Übersicht