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Aus dem Tagebuch einer Mutter

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Silke ist 39 Jahre alt, hat eine Tochter und ist alleinerziehend.
Sie lebt mit ihrer Tochter in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Niedersachsen.
Silke. ist schwerbehindert. Sie leidet unter einer Makuladegeneration mit einer Restsehschärfe von 2 Prozent. Trotz ihrer Behinderung arbeitet sie als Heilerziehungspflegerin in einem Kindergarten.
Ihre Tochter ist 11 Jahre alt und geht in die fünfte Klasse eines Gymnasiums.

Ich bin schon immer allein erziehend, schon während der Schwangerschaft habe ich mich vom Vater des Kindes getrennt.

Weil ich keinerlei Unterstützung aus meinem Umfeld hatte – weder von meinen Eltern und Geschwistern noch von Freunden – habe ich mir Unterstützung geholt.

Ich bin sehr viel alleine. Im Grunde fehlt, dass man ein Feedback über sich selber bekommt, dass man viel geschafft hat. Dass mal ein bisschen erzählt wird oder dass man mal eine Rückmeldung über sein Kind bekommt: „Oh, ist die nett“ oder so etwas. Zu mir sagt keiner: „Da hast du aber schön aufgeräumt“ oder so etwas. Ob ich gut aussehe oder nicht gut aussehe – das ist irgendwie egal. Daran gehe ich kaputt.

Ich habe viele allein erziehende Freundinnen, die oft genauso erschöpft sind wie ich. Wir würden uns gerne vernetzen, weil wir so sauer sind.

Wie war Ihre Situation, als Sie von der Schwangerschaft erfuhren?
Zu Beginn wusste ich gar nicht, ob ich das Kind bekommen kann oder überhaupt bekommen will, weil ich eine sehr starke Sehbehinderung habe. Viele haben mir abgeraten.
Zuerst bin ich zu Pro Familia gegangen. Die sagten, ich solle das Kind auf jeden Fall bekommen, ich würde dann auch einen Gutschein bekommen, von dem ich Kinderkleider kaufen könne. Im Grunde ist das Quatsch gewesen.
Dann wollte ich das Kind abtreiben lassen, bin dann aber unsicher geworden und zum Psychoanalytiker gegangen. Der klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Sie schaffen das schon.“ Und dann dachte ich: „Gut, dann schaffe ich das schon.“
Drei oder vier Wochen vor der Geburt habe ich dann aber Angst bekommen, dass ich es eben nicht schaffe. Ich war nämlich tatsächlich alleine: Der Freund, von dem ich das Kind erwartete, hatte mich sehr isoliert, und die Arbeit – bei der ich viele Freunde hatte – war auch nicht mehr da.
Daraufhin habe ich das Jugendamt informiert, und die haben mir zwei Frauen bewilligt, die mich in den ersten eineinhalb Jahren 20 Stunden pro Woche unterstützen sollten. Nach der Geburt brauchte ich einfach nur noch anzurufen und zu sagen, „Mein Kind ist jetzt da“.

Die ersten fünf Tage im Krankenhaus habe ich ausgenützt, dann hat mich meine Freundin, die bei der Geburt dabei war, abgeholt. Als ich wieder zu Hause war, war ich richtig zittrig: ich hatte einfach nur noch Angst, mit dem Kind alleine zu Hause zu sein. Dann aber kamen die Frauen vom Jugendamt und haben nach den Dingen geschaut, die ich wegen meiner Behinderung nicht sehen kann: ob die Fingernägel geschnitten werden müssen, wie das Fläschchen dosiert wird oder welche Kleidung gekauft werden muss.
Ich war immer ziemlich aufgeregt – meine Tochter ist nachts oft wach geworden und hat geschrien. Irgendwann konnte ich nicht mehr und habe irgendwie gar nichts mehr gemerkt.

Hatten Sie Unterstützung durch Familie oder Freunde?
Nein. Der Hauptpunkt war wohl der, dass nach landläufiger Meinung Behinderte, auch Sehbehinderte, keine Kinder bekommen sollten. Das fand und finde ich natürlich blöde.
Außerdem haben sich meine Eltern ein bisschen geschämt, dass ich ein Kind bekomme und nicht verheiratet bin. Mein Bruder war weit weg. Und die Freunde meiner Eltern, die durch die Zeitung erfuhren, dass meine Eltern Großeltern geworden waren, reagierten vorwurfsvoll: „Warum hast du nichts gesagt?“

Hinzu kam, dass meine Tochter sehr anstrengend war: drei Jahre lang war sie ein Schreikind, so dass auch Freunde sich distanzierten. Es kam niemand zu Besuch, ich war die ganze Zeit überfordert. Mir fehlte ganz viel Rückmeldung die ich – auch optisch – nicht bekam. Wenn mein Kind drei Meter entfernt war, konnte ich nicht einmal sehen, ob sie lächelt. Später habe ich dann zwar auch mal Bücher vorgelesen, aber dann Dinge falsch bezeichnet, so etwa zum Schaf „Kuh“ gesagt. Wie sollte mein Kind solche Dinge richtig lernen?

Es blieb mir nur eine Freundin, die in der Nähe wohnte. Sie hat mich zusammen mit ihrer heute siebzigjährigen Mutter, zu der ich noch immer ein wunderbares Verhältnis habe, sehr unterstützt. Und sie hat es getan, weil sie selbst Kinder im gleichen Alter hatte.
Wir haben uns die Arbeit geteilt: Ich habe mich um die Kinder gekümmert und sie hat gekocht. So war ich nicht alleine und sie war so etwas wie meine Mutter. Das war eine große Erleichterung, weil ich so auch Zuspruch bekam: „Du hast ein tolles Kind“ oder „Mann, ist sie süß“.

Um die Haushaltshilfen, die regelmäßig kamen, war ich sehr froh, auch wenn es für mich relativ schwierig war, mit jemandem zu kommunizieren, den man gar nicht kennt. Die eine hat sich um den Haushalt gekümmert, die andere war mehr für meine Seele zuständig. Dadurch, dass sie da waren, konnte ich Angebote wahrnehmen, die mich nach draußen brachten: Fußreflexzonenmassage, Krabbelgruppe...

Waren diese Kontakte ausreichend?
Nein, weil ich keinen wirklichen Ansprechpartner hatte. Sonntags war es ganz schlimm. Da war ich immer sehr gefrustet, auf den Spielplatz zu gehen. Da saßen die Familienväter mit ihren Kindern und die Frau kochte zu Hause. Ich dagegen musste alles alleine machen. Nacheinander und ohne Arbeitsteilung.

Anstrengend war, dass meine Tochter immer geschrien hat. Sie war immer bei mir auf dem Arm und schrie. Ich bin im Wohnzimmer Achten gelaufen oder habe ihr das Alphabet vorgesagt, wenn mir gar nichts anderes mehr einfiel. Irgendwann war ich nur noch gaga im Kopf. Außerdem ständig auf dem Sprung: weil ich Angst hatte, traute ich mich nie mehr als ein paar Meter von meiner Tochter weg. Denn wenn sie schlief, ging sie sofort hoch. Sie war nur am Schreien.

Ich hätte mir sehr gewünscht, dass es jemanden gibt, der sie mir mal abnimmt. Das Jugendamt hat mir dann eine Tagesmutter angeboten. Da bin ich allerdings nur Bus gefahren: eine Dreiviertelstunde hin, dann war sie eine Stunde dort und ich bin wieder zurückgefahren. Und die Tagesmutter hat sich auch nur beschwert – das Kind war nur am Schreien, wollte auf den Arm und die Frau konnte ihren Haushalt nicht schaffen. Da habe ich mir dann gedacht: Was soll das denn? Das brauche ich nicht. Sie die ganze Zeit auf den Arm nehmen, kann ich selber. Meine Tochter war halt jemand, der Ängste hatte und die Körpernähe suchte.

Im Nachhinein betrachtet, war ich einfach kaputt und total überfordert. Dass ich so angespannt war, war mein Hauptproblem.

Wurde es irgendwann besser?
Anders. Es wurde schlimmer – nämlich dann, als ich wieder zu arbeiten anfing. Ich arbeite selbst im Kindergarten und habe den ganzen Tag Kinder um mich herum – eine Doppelbelastung.
Drei oder vier Monate, bevor ich wieder zu arbeiten anfing, habe ich meine Tochter im Kindergarten eingewöhnt. Weil ich 27 Stunden pro Woche gearbeitet habe, musste sie jeden Tag sechs Stunden dableiben. Und das war extrem anstrengend: Ich hetze hin, gebe meine Tochter ab und sie will natürlich nicht dableiben. Und dann hetze ich weiter in „meinen“ Kindergarten, betreue „meine“ Kinder – sieben in einer Gruppe – individuell so, dass sie sich wohl fühlen, gehe auf jedes Kind einzeln ein, komme wieder zum Kindergarten zurück und sehe, meine Tochter ist eingeschlafen. Weil sich niemand um sie kümmern konnte, weil niemand auf sie einzeln eingegangen war. Sie hatte Angst vor Nähe, distanzierte sich von den anderen und ließ sich nicht von ihnen berühren.

Ich fand es total schlimm, sie in diesem Kindergarten abzugeben. Und ich war sauer auf den Staat: Ich muss arbeiten gehen, um Geld zu verdienen, und es ist nicht gewährleistet, dass mein Kind adäquat betreut ist.

Nach zwei Jahren habe ich sie aus diesem Kindergarten genommen und in einen anderen gegeben. Zum Glück gab es da ebenfalls eine Heilerzieherin, die gesehen hat, dass meine Tochter eine Begabung hat. Sie hat sie sich zwischendurch immer mal wieder geschnappt und sie angestupst. Zwar hat meine Tochter sich jedes Mal tierisch aufgeregt, aber die Kollegin ist jedes Mal über ihre Grenzen gegangen und gewann damit immer mehr Zutrauen. Sie hat mein Kind einfach mit an den Tisch genommen: „Komm, wir spielen.“ Dann hat sie mit ihr Memory gespielt und immer mehr Kinder dazu geholt, damit meine Tochter sich an sie gewöhnen und gut mit ihnen zurechtkommen würde. Sie hat sehr viel bei ihr geschafft.

Wie wirkt sich Ihre Situation auf Ihre Gesundheit aus?
Ich habe eine Makuladegeneration mit ursprünglich 20 Prozent Sehschärfe. Durch den ganzen Stress wurden meine Augen noch schlechter, jetzt bin ich bei zwei Prozent Sehschärfe angekommen.
Bei der Arbeit war ich zu diesem Zeitpunkt in eine andere Gruppe gekommen, bekam einen anderen Arbeitskollegen und musste mich auf andere Sachen einstellen. Nach einem halben Jahr ging ich zu meinem Chef: „Ich kann das nicht mehr“. Und er meinte: „Mensch, du hast doch immer gerne gearbeitet, wir schauen mal.“ Bei der Überprüfung meiner Augen wurde festgestellt, dass ich kaum noch sehen kann. Jetzt habe ich Unterstützung auf der Arbeit: einen Computer, ein Lesegerät zur Vergrößerung der Schrift und eine Begleitperson. Einen Blindengeldantrag habe ich auch gestellt.

Seit ich so schlecht sehe und das bei der Arbeit mitgeteilt habe, geht es mir besser. Es merkt mir zum Glück auch fast keiner an, dass ich nicht viel sehen kann.

Ist die Arbeit eher eine Belastung für Sie als eine willkommene Abwechslung?
Es ist beides. Ich arbeite sehr gerne, nur ist das mit schriftlichen Sachen schwierig. Da brauche ich eine Unterstützung. In allen Bereichen gibt es Qualitätsmanagement, da wird alles streng nach Ablauf gemacht, man muss bestimmte Abfolgen befolgen, hinterher überprüfen, ob es gut war und eine Rückmeldung von den Eltern einholen. Und die Dokumente ändern sich ständig. Im Prinzip kann ich das alles, nur bin ich verunsichert, weil ich die Dokumente nicht lesen kann. Ich bräuchte eigentlich jemanden der mir die einfach mal vorliest. Manche Sachen nehme ich mit nach Hause. Aber zu Hause bin ich teilweise zu erschöpft, um sie anzuschauen.

Wie wirkt sich Ihre Behinderung im Alltag aus?
Wenn ich den Briefkasten öffne, zittern mir oft schon die Hände. Ich denke dann oft: „O je, was kommt jetzt noch?“ Denn ich muss ja alles abends nach Feierabend machen. Andere schaffen das auch, aber bei mir dauert alles einfach zehnmal länger. Ich bräuchte eigentlich jemanden, der mit mir regelmäßig meine Papiere macht. Ich habe eine Freundin, mit der schaffe ich in einer Stunde einen Riesenberg weg, aber die kann leider nicht immer. Ich habe auch viele allein erziehende Freundinnen, die abends oft selber erschöpft sind. Wir würden uns gerne einmal vernetzen, weil wir so sauer sind.

Ich merke, dass ich emotional sehr wütend darüber bin, dass ich vieles nicht kann, dass mir einerseits keiner hilft und ich andererseits nicht immer um Hilfe bitten will. Naja, jetzt hilft mir meine Tochter und übernimmt sehr vieles... was sie aber auch nicht unbedingt soll.

Haben Sie viele Sozialkontakte?
Nein, eher wenig, meistens reicht mir die Arbeit. Es dauert bei mir ja auch alles ziemlich lange. Einkaufen beispielsweise. Das muss ich ja zu Fuß machen, also gehe ich zum Geschäft, packe alles in den Rucksack und gehe zurück. Zwei oder drei Stunden dauert das locker jedes Mal. Und dann noch etwas kochen! Meistens bin ich einfach zu kaputt. Dann will ich meine Ruhe habe, mich ins Bett legen und warten, dass der nächste Tag wieder anfängt. So leichte depressive Züge habe ich oft.

Die Erledigung der Alltagsdinge frisst so viel Energie... Manchmal habe ich keine Lust mehr. Als allein Erziehende hat man ohnehin schlechte Karten: Immer muss ich bei meinem Kind zu Hause bleiben. Jetzt, da sie alt genug ist, muss ich mir angewöhnen, abends mal wegzugehen, zum Sport oder Ähnliches. Manchmal komme ich mir vor, als hätte ich zehn Jahre Knast abgesessen...

Ich bin sehr viel alleine. Manchmal denke ich, ich könnte einfach in meinem Zimmer sitzen und verwesen, das würde keiner merken. Von Freunden oder so kommt nichts. Das ist mir einfach zu viel. Im Grunde fehlt, dass man ein Feedback über sich selber bekommt, dass man viel geschafft hat. Dass mal ein bisschen erzählt wird oder dass man mal eine Rückmeldung über sein Kind bekommt: „Oh, ist die nett“ oder so etwas. Zu mir sagt auch keiner, „da hast du aber schön aufgeräumt“, oder dies oder jenes gemacht, das ist immer ganz egal. Ob ich gut aussehe oder nicht gut aussehe, das ist irgendwie egal. Daran gehe ich kaputt.

Wie empfinden Sie Ihre Situation als Alleinerziehende?
Ich bekomme keinen Unterhalt von dem Vater meiner Tochter. Ich bekomme nur Kindergeld für sie, weil er keine Arbeit hat. Und das macht mich wütend. Ich denke oft: Wo sind wir denn hier? Ich bin am Arbeiten. Ich tue alles für mein Kind. Ich melde sie im Kindergarten an, ich mache Betreuung, ich versorge sie, sorge für Essen, und der Vater macht mir nichts als Ärger und zahlt nichts. Und dann gehe ich zu den Ämtern und höre: „Oh, der arme Mann.“
Da werde ich richtig wütend. Was ist das für ein Staat, den wir hier haben? Der Vater muss eigentlich bevorzugt eine Arbeit bekommen, so dass er Unterhalt zahlen kann. Ich muss ja schließlich auch für mein Kind zahlen. Ich bekomme ja nur Kindergeld für sie. Das finde ich so ungerecht!

Ich bekomme seit Jahren eine Lohnsteuerkarte, da steht ein halbes Kind drauf. Das macht mich jedes Mal so sauer... Jedes Mal muss ich zum Finanzamt gehen und sagen: „Ich habe ein ganzes Kind“. Und es wird jedes Mal umgetragen und es heißt, es sei nur eine Formsache. Aber was für ein Schwachsinn!

Eines jedoch habe ich mir vorgenommen: dass meine Tochter später, wenn ihr Vater ins Altersheim geht, nicht verpflichtet wird, ihm das Altersheim zu zahlen. Das müssen die Kinder manchmal noch. Und das muss ich irgendwie bremsen.

Allein erziehenden Frauen, die selber arbeiten und etwas über dem Sozialhilfesatz liegen, sollte geholfen werden. Zwar gibt es die Möglichkeit, sich über einen Alleinerziehendenverein Hilfe zu holen. In meinem Wohnort etwa „Annas Lädchen“: Wenn ich zum Beispiel keine Klamotten habe, kann ich mir da eine Hose für zwei Euro holen, ich bekomme günstig eine Jacke oder Schuhe. Mir aber bringt das nichts. Ich lebe nicht an der Armutsgrenze, ich brauche eine andere Hilfe. Da werde ich nur sauer, wenn ich das höre, weil das nicht an die wirklichen Probleme heranreicht. Ich will, dass sich Frauen wirklich vernetzen, um inhaltlich arbeiten zu können. Ich brauche keine Schuhe, die so und so aussehen. Und Lust, so einem Alleinerziehendenverein beizutreten, habe ich nicht. Die machen ja nichts, die reden und ziehen über die Männer her... Das mache ich lieber selber.

Wie geht es Ihrer Tochter?
Meine Tochter hat im letzten Jahr eine Essstörung bekommen. Wir haben eine sehr starke Symbiose: Sie möchte mir gerne helfen, weil sie merkt, dass ich eine Sehstörung habe, und ich möchte ihr im Prinzip helfen. Und dann sitzen wir beide in unserem Zimmer und keiner trifft Freunde oder macht privat etwas.

Um dieses Beziehungsproblem zu durchbrechen, habe ich eine Alleinerziehendenseelsorgerin angerufen, eine Ehrenamtliche, die zwei Stunden in der Woche kommt, in denen ich einfach mit ihr sprechen kann oder sie mit meiner Tochter ein Spiel spielt.

Seit sie aufs Gymnasium gekommen ist, wurde es auch noch einmal besser. Da geht sie unglaublich gerne hin. Hier im Caritas-Haus ging ja heute die Klinikschule wieder los, und sie ist aus dem Bett aufgestanden und: JUHU! Gestern noch war sie krank – und heute begeistert, dass sie wieder in die Schule darf.

Meine Tochter möchte gerne gefordert sein. Auch die Grundschullehrerin hat gemeint: „Warten Sie einmal ab, wenn sie in die höhere Schule kommt, findet sie auch Ihresgleichen.“ Und tatsächlich: Jetzt ist sie voll ausgelastet. Und sie hat Kinder um sich herum, die auch etwas wissen wollen, die diszipliniert sind und die sich benehmen. Sie fängt an, Freunde zu finden. Es ist alles sehr gut geworden. Sie ist ein perfektes Kind...

Warum haben Sie sich für die Kur entschieden?
Es kam viel zusammen. Im Grunde: Damit ich wieder von vorne anfangen kann.
Nachdem ich vor vier Jahren schon einmal zur Kur gewesen bin, musste ich mich diesmal etwas dahinterklemmen. Denn man wollte mir – erst der Arzt, dann die Krankenkasse – eigentlich eine Reha andrehen, wegen meiner Sehbehinderung. Ich habe allerdings gesagt: „Ich bin einfach nur erschöpft“. Schließlich wollte ich nicht in eine lange Maschinerie hineinkommen, sondern etwas für mich und gegen meine Rückenschmerzen tun. Außerdem mit meinem Kind einfach mal so einen Urlaub machen, ihr Schnee und Berge zeigen.

Ich bin froh, dass ich hier von meinen Rückenschmerzen befreit werde, weil mich dieser latente Schmerz immer runtergezogen hat. Wenn man immer so einen Schmerz hat, hat man oft keine Lust mehr, irgendetwas zu machen. Und das belastet mich. Ich denke, das ist einerseits körperlich, andererseits psychisch. Seit zwei Tagen ist es besser, heute bekomme ich die nächste Massage.

Wichtig ist mir auch, dass ich hier Sport mache, ein bisschen fiter bin. Denn ich habe bemerkt: Wenn ich meinen Körper richtig spüre, bin ich wacher, fiter und freudiger. Und so muss ich in Sachen Sport alles wahrnehmen, was geht, denn zu Hause habe ich die Gelegenheit nicht. Und hier weiß ich bei allem, dass ich es kann. Gestern zum Beispiel Langlauf: Da stelle ich mich einfach auf die Skier. Da habe ich nichts im Kopf, keine Einkaufsliste... ich kann einfach nur machen. Und das tut richtig gut. Dann komme ich wieder und weiß, meine Tochter ist irgendwo und ist beschäftigt. Hier ist alles im Haus. Man weiß, man braucht nur eine Strippe ziehen, wenn man einen Notfall hat. Das ist gut.

Schön ist auch, dass ich nicht einzukaufen brauche und keine Wege mehr habe... Alles was mich so erschöpft, ist hier weg, so dass ich mehr Energie habe.

Abends haben wir  sogar schon mit den anderen Karten gespielt. Meine Tochter hatte sogar selber Lust dazu. Wobei es mir sehr schwerfällt, wieder Kontakte zu knüpfen. Ein bisschen habe ich das Gefühl, ich klappe noch mal zusammen.

Wie geht es nach der Kur für Sie weiter?
Ich war schon lange in psychotherapeutischer Behandlung und will jetzt weitermachen. Bevor ich in Kur gegangen bin, hatte ich einen Antrag auf eine Therapie gestellt. Mein Ziel ist, noch autonomer zu werden und meine Sehbehinderung noch besser zu verarbeiten.

Auch mit der Physiotherapie fange ich wieder an. Und dann werde ich mir noch einen Sport suchen – ich muss mich sofort darum kümmern. Ich habe es so organisiert, dass ich mich schon am Tag nach der Kur mit einem Arzt treffe, der Sport von mir verlangt. Ich muss ihm eine Rückmeldung geben, so dass er mir ein wenig Rückmeldung oder Beachtung gibt. Das reicht mir im Endeffekt schon. Und schon springe ich...

Hier habe ich ja nun einiges ausprobiert. Vielleicht werde ich schwimmen gehen? Ich habe jetzt einen Anfang gesucht und werde hier noch mitnehmen, was ich mitnehmen kann. Und dann, hoffe ich, bin ich zu Hause so fit, dass ich die Motivation habe weiterzumachen.

Interview
Annette – Christine Hoch Moderatorin SWR


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